Zur Bundestagsdebatte über Sterbehilfe

Gestern fand im Bundestag eine erste Debatte über das geplante Gesetz zur Sterbehilfe statt. Nach allen Berichterstattungen, die ich verfolgt habe, geschah dies in großem Respekt voreinander und vor dem Thema. Parteiübergreifende Gruppierungen stellten ihre unterschiedlichen Gesichtspunkte dar, teils in recht persönlichen Beiträgen. Damit wird auch die Ernsthaftigkeit des Themas sichtbar, welches keine Parteienstreitigkeit duldet. Ich freue mich über diese offene, kontroverse und respektvolle Diskussion und das Ringen um eine Lösung, die dem Menschen gerecht wird und im Blick hat, was not tut.

Was mich besonders freut, ist, dass endlich auch einmal der Begriff der „Sterbebegleitung“ Eingang in die veröffentlichte Diskussion gefunden hat. Sterbebegleitung ist nämlich etwas ganz anderes als (aktive oder passive) Sterbehilfe. Es ist – wie es manchmal formuliert wird – nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe beim Sterben. Das Sterben wird so als ein natürlicher Prozess angesehen, der einer intensiven persönlichen Begleitung bedarf. Diese Begleitung kann viel Angst nehmen und Trost und Zuversicht geben, vor allem wenn sie getragen ist von einer Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod. Hier haben gerade wir Christen ein hervorragendes Angebot mit unserem Glauben an Gottes Barmherzigkeit und Gnade, die sich in einem Leben in Gottes Armen widerspiegelt.

Allerdings bedarf es wohl einer zusätzlichen Initiative seitens unserer Kirche, den Angehörigen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Was bedeutet der Glaube an ein Weiterleben in unserer modernen Welt?

  • Geht es einfach weiter wie bisher, nur auf einer anderen (höheren?) Ebene? Das wäre wohl nicht erstrebenswert.
  • Ist das jenseits nur ein Aufenthaltsort bis zum nächsten Leben, das dann wieder unter menschlichen Bedingungen stattfindet? Für mich persönlich auch keine Alternative.
  • Werden menschliche Defizite (auch struktureller Art. nicht nur persönlich) aufgewogen durch andere Maßstäbe als das bisher Gewohnte?
  • Gibt es eine Heilung von inneren und äußeren Verletzungen, Wunden, Leiden, Schmerz? Welchen Platz nehmen Enttäuschungen, Scheitern, das Fragmentarische unseres jetzigen Lebens in einem künftigen ein?

Wenn ich die Botschaft Jesu richtig verstehe, ist alles aufgefangen in der Menschenfreundlichkeit Gottes. Gott ergänzt, was dem Menschen fehlt. Gott nimmt den Menschen in seiner Individualität an, in seinem Gewordensein, in seinem Streben und Scheitern, in seinem Hoffen und Sehnen. Das gibt mir selber Trost, wenn ich auf mein Versagen schaue. Das gibt mir Mut, wenn ich auf meine Defizite blicke. Das lässt mich manches aushalten, weil ich weiß, es ist einmal zu Ende und wird anders. So hat der Glaube an ein Leben nach dem Tod Auswirkungen auf das jetzige.

Für die Sterbebegleitung bedeutet dies, dass ich auch den Tod aushalten kann – den Tod eines anderen und (hoffentlich dann auch) meinen eigenen. Der Tod und das Sterben sind nicht nur schrecklich, sie sind für mich auch eingebettet in einen größeren Lebenszusammenhang.

Wichtig scheint mir auch zu sein – und das stößt die Bundestagsdebatte an – dass jede/r eine eigene Haltung entwickelt zum Themenkreis: Sterben/ Tod/ Menschenbild/ Leben und Lebenssinn. Und das reicht viel weiter als ein bloßer Gesetzentwurf.

 

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