Wunsch für das Jahr 2019

In einem Gedicht von Sigrid Lichtenberger unter dem Titel „Toleranz“* habe ich folgende Zeilen gefunden:

und wenn wir uns schon nicht freuen können an Vielfalt

gib uns Liebe

den anderen zu ertragen

denn ich bin auch anders

jeder ist anders

als die anderen

Bei diesen Zeilen ist mir eingefallen, dass das hebräische Wort für „anders“ „qadosch“ heißt, was wir für gewöhnlich mit „heilig“ übersetzen. Danach wäre der Andere „heilig“. Was macht es uns so schwer, den anderen als „heilig“ zu behandeln? Ich denke dabei noch nicht enimal an die Menschen, die so ganz anders sind wegen ihrer Herkunft oder ihrer Kultur. Ich denke auch an die Menschen ganz in der Nähe, unsere Nächsten, die auch „anders“ sind. Es ist schwer, das  „andere“ wertzuschätzen und nicht als In-Frage-Stellung des Eigenen zu sehen.

Umgekehrt: wie schwer und bitter kann es sein, wenn man immer den Vorstellungen der anderen entsprechen muss oder entsprechen will! Wenn man sich nicht zugesteht, „anders“ zu sein, „besonders“ (um eine dritte Bedeutung von „qadosch“ zu nennen), „heilig“.

So wünsche ich den Mut, das Eigene zu leben und das Andere leben zu lassen. Dann kann das Jahr 2019 wirklich das werden, was ich auch wünsche:

Ein

gesegnetes

Jahr!

 

 

*Lichtenberger, Sigrid, Als sei mein Zweifel ein Weg, Göttingen, Zürich 1995, S. 81

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