Gedanken zum 3. Advent 2020

„Tauet, Himmel, den Gerechten; Wolken, regnet ihn herab“ – so lautet der Titel eines der bekanntesten Adventslieder, die in den Kirchen gesungen werden. Oft mit viel Inbrunst und Andacht. Dieses Lied beschwört große Gefühle herauf: die „bangen Nächte“  lassen erahnen, wie sehr jemand „von ängstlicher Beklommenheit erfüllt; voll Angst, Furcht, Sorge“ ist (so die Umschreibung des Duden).

Dieser „jemand“ ist ursprünglich das Volk Israel, das im Babylonischen Exil lebt. Beim Propheten Jesaja (das ist jetzt der zweite oder Deuterojesaja) heißt es im Kapitel 45: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, erschaffe es.“

Diese Sätze schließen die Berufung des persischen Königs Kyros zum Befreier des Volkes Israel ab. Er, der ausländische und fremdgläubige König, wird das Exil beenden als Gesalbter Gottes. Gesalbter Gottes heißt auf hebräisch: „Messias“, auf griechisch: „Christos“. Der Prophet sieht schon die Entwicklung in der Welt und verkündet die neue Ära.

Später hat man diese Worte auf Jesus hin gedeutet, mit dem eine neue Zeitrechnung beginnt. So ist er unser „Christus“ geworden, der Gesalbte Gottes.

Aber was bedeutet „gerecht“?

Das hebräische Wort „sedakah“ meint das, was einer zum Leben braucht, das Gebührende und erst dann den Rechtsanspruch, den einer erhebt. „Gerechtigkeit“ ist also zunächst kein Begriff der Rechtssprechung.

Ist unsere Welt „gerecht“? Es gibt verschiedene Kriterien, nach denen man diese Frage beantworten kann. Wenn Straftäter verurteilt werden, wird das hoffentlich gerecht zugehen. Wenn einer viel mehr verdient als andere: ist das gerecht? Wenn die Coronaimpfungen verteilt werden und sich die wirtschaftlich stärksten Länder den Löwenanteil sichern: gerecht? Zumindest nicht gerecht im biblischen Sinne. Dass die Älteren, die Gefährdeten und das Pflegepersonal als erste geimpft werden, wohl schon.

Jedenfalls immer ein Anlass, ganz kräftig als Sehnsuchtslied zu singen: „Tauet, Himmel, den Gerechten.“

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