Vom Leiden zu reden

Ich lese grade das Buch „Weil es sagbar ist“ von Carolin Emcke. Da geht es darum, vom Leiden derer zu reden, die selber nicht davon sprechen können (mal ganz verkürzt gesagt). Ich hänge an folgender Passage auf Seite 183:

Das Schreckliche erscheint uns, die wir verschont geblieben sind, allzuoft unwahrscheinlich, wohingegen es für diejenigen, die Leid erfahren, leider allzu wahrscheinlich ist.

Es braucht nur eine solche Berührung, etwas, das einen nicht wieder loslässt. Das kann etwas Verstörendes sein, etwas, das nicht recht ist, etwas, das niemanden interessiert, aber interessieren müsste.

Das kann etwas Bewegendes sein, etwas, das überraschend schön oder beglückend ist, von dem niemand weiß, von dem aber alle wissen sollten.

Ich selber denke da an Menschen, die Flucht oder Vertreibung erfahren haben: manche schon vor 70 Jahren, andere heute. Ich denke an Menschen, die einen Verlust erlitten haben: von Beziehungen, von Lebensentwürfen, von Gesundheit, von materieller Sicherheit. Ich denke an Menschen, die durchgekommen sind: durch ein Leiden, eine Verletzung, eine Enttäuschung, eine Krise. Ich denke an Menschen, die das Glück einer neuen Beheimatung, einer neuen Sicherheit, einer lebbaren Gegenwart gefunden haben.

Wo sind deren Geschichten erzählt und gesagt? Kann das Erzählen dieser Geschichten eine verbindende Kraft entfalten quer durch die Generationen, quer durch die Kulturen, quer durch die Bevölkerungsschichten, quer durch die Religionen?

Vielleicht muss dieses Erzählen ja gar nicht im öffentlichen und veröffentlichenden Raum geschehen. Vielleicht genügen kleinere Begegnungen des Leiderzählens, um Verbindung und Verbundenheit zu schaffen. Vielleicht braucht das Erzählen auch den Schutz der Verschwiegenheit oder der anonymisierten Offenheit, um Kraft, Ermutigung und Perspektive zu entfalten.

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