Ich bin beschämt

Ein persönlicher Zwischenruf

Gestern wurde das Missbrauchsgutachten für unsere Erzdiözese veröffentlicht und vielfach kommentiert. Dem brauche ich nichts hinzufügen. Es ist beschämend, wie unsere Kirche mit den Opfern von Missbrauch und dieser ganzen Thematik umgegangen ist. (Ob die Vergangenheitsform stimmt? Es ist zu hoffen!)

Ich bin beschämt – nicht über das Gutachten. Sondern über das, was das Gutachten beschreibt. Über den systemischen Umgang mit den Menschen, den Täterschutz und die Geringschätzung derer, die direkt und auch indirekt davon betoffen sind. Damit meine ich in erster Linie die Opfer, deren Familien, deren Freunde. Damit meine ich auch die Pfarreien, damit meine ich auch die Einrichtungen, damit meine ich auch all die, die die Kirche als wichtige Stimme in der Gesellschaft betrachten, obwohl sie nicht zu unserer Kirche dazugehören.

Ich bin aber auch beschämt als ehemaliger Seelsorger, der sich gerne und mit Leidenschaft für unsere Kirche eingesetzt hat. Ich habe manchmal sehr bedrängende Gespräche geführt im Themenkreis von Gewalt durch kirchliche Menschen und wurde dabei von meinen Gesprächspartnern als Vertreter eben jener Täterkirche wahrgenommen.

Diese Täterkirche beschämt durch den Missbrauch und den systemischen Umgang durch Verschleierung, Nichtverfolgung und Täter-/ Kirchenschutz auch all die Seelsorger, die sich bemüht haben und bemühen, den Menschen eine lebensnahe, ermutigende und frohe Lebensperspektive zu eröffnen. Und solche Seelsorger gibt es ja Gott sei Dank eine ganze Reihe. Sie alle stehen jetzt vor diesem Guachten, vor diesen Vorgängen, vor diesen Menschen. Es wird schwer werden, glaubwürdig zu sein – als Einzelne und als Vertreter dieser Kirche.

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Coronahilfen für Bedürftige

In den Medien wurde heute ein Bericht des „Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung“ veröffentlicht. Danach haben gerade in Deutschland die staatlichen Hilfen vielen Menschen sehr genützt, vor allem Minijobbern und Alleinerziehenden.

Aber eine andere Zahl hat mich erschreckt: etwa jeder sechste Haushalt gab an, keine Hilfe erhalten zu haben, obwohl es Bedarf gegeben hätte. Das geschah, weil sich die Betroffenen nicht als anspruchsberechtigt angesehen haben; weil die Informationen fehlten; weil sie nicht wussten, wo sie diese Hilfe beantragen müssen; oder auch weil sie sich geschämt haben.

Vielleicht hätte da ein anderes System besser funktioniert. Etwa in der Form der „Küchentischgespräche“, wie sie in den Niederlanden praktiziert werden. Da kommt der Mitarbeiter ins Haus und klärt dort den Bedarf. Da er vor Ort wohnt, kennt er die Menschen und ihre Lebenslage (siehe meine früheren Berichte vom Januar und Juli 2020).

Wir haben in Deutschland ein anderes System. Aber vielleicht ist das etwas, das die Seniorenbeauftragten oder Familienbeauftragten leisten könnten? Und zwar nicht nur die kommunalen, sondern auch die kirchlichen!

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Die heimliche Heldin

Am heutigen Sonntag wird die Hochzeit von Kanaan gelesen. Sie fiele buchstäblich ins Wasser – wenn es nicht Maria gäbe.

Jesus merkt den Mangel nicht selbst. Ist er zu sehr im Feiermodus? Oder in theologische Gespräche vertieft? Wir wissen es nicht.

So aber wird eine Frau, eine Seniorin noch dazu, zur Protagonistin, zur „Heldin“ der Geschichte. Ohne sie wäre die Geschichte, wäre das Fest am Ende.

Es braucht die Sensibilität der Frau, es braucht den Blick der lebenserfahrenen Seniorin für das Wesentliche, das Nötige, den Mangel. Das ist auch heute oft noch so. Wir Männer sind oft wenig gspürig für Notlagen und brauchen den Anstoß zum Handeln. Dann finden wir auch Lösungen. Und stehen so oft im Rampenlicht, wo eigentlich jemand anderes hingehört.

So wie Maria, die wir zu gerne in der zurückgenommenen, dienenden Position wahrnehmen. Dabei ist sie die eigentliche Heldin.

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Weltweiter Anstieg der Demenzerkrankungen

In einer Studie, die in der Zeitschrift „The Lancet Public Health“ veröffentlicht wurde, zeigt sich, dass sich die Zahl der Demenzerkrankten bis 2050 weltweit verdreifachen wird. Nach der höheren Lebenserwartung werden als einige der Risikofaktoren Rauchen, Fettleibigkeit, hoher Blutzucker und geringe Bildung genannt.

Das sind Faktoren, die zum einen jeder selbst beeinflussen kann. Andererseits markieren sie meiner Meinung nach auch gesellschaftliche Aufgaben. Bildung etwa oder ein höheres Einkommen, das eine gesunde Ernährung erst finanzierbar macht.

Hilfreich sind auch Bewegung, geistige Anregung, sozialer Kontakt. Etwa durch Seniorenclubs, die mehr sein können als eine fröhliche Ratschrunde. (Wobei ich das nicht gering schätze!) Es genügen schon kleine Anregung zur Bewegung, zum Raten, zum Erzählen und Erinnern.

Zwar wird dadurch keine Demenz verhindert, aber wohl verlangsamt. In Coronazeiten mit den Kontaktbeschränkungen auch eine große Herausforderung für die Leiter*innen. Aber es gibt Hilfe, etwa bei der Bagso oder bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bzga.

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Neujahrswunsch für 2022

Möge Gott im kommenden Jahr 2022 Ihre Wege begleiten:

  • die mühsamen und beschwerlichen genauso wie die heiteren und unbeschwerten
  • die Wege zu den Menschen und die Wege zu Ihnen selbst
  • die Wege der Aktivität und die Wege der Erholung
  • die Wege in eine Krankheit hinein und auch wieder heraus
  • die Wege der Solidarität mit anderen
  • die Wege, die Mut erfordern und Zuversicht und Gottvertrauen
  • die Wege des Widerstands gegen Lebensbehinderndes und
  • die Wege des Einsatzes für Lebesförderliches.
Bild: Michael Tress

Möge Gott im kommenden Jahr Sie begleiten mit seiner Kraft und seiner Menschenfreundlichkeit und seinem Segen.

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Stille Nacht und stille Tage

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Zeit für traute Idylle und „Stille Nacht“ vor der Krippe und dem Weihnachtsbaum. Aber auch mit der Sorge vor stillen Tagen danach mit freiwilligen (weil eingesehenen) oder erzwungenen Kontaktreduzierungen. Corona, vor allem Omikron, lässt das geraten sein.

Schon letztes Jahr gab es die Einschränkungen. Schon damals zum Wohle der Verletzlichen, der Vulnerablen. Vor allem der Senior*innen. Vor allem in den Pflegeeinrichtungen. Heute aber auch mit Blick auf alle, denn alle sind prinzipiell gefährdet. „Schutz“ bietet höchstens die Boosterung und die Abstands- und Hygieneregeln. Zumindest kann das Risiko minimiert werden. Das ist gelebte Solidarität.

Solidarität ist einer der Grundwerte der jüdisch-christlichen (und wahrscheinlich auch islamischen) Tradition. Meist wird das hebräische Wort mit „Gerechtigkeit“ übersetzt. Es meint, dass jeder das bekommt, was er braucht. Heute ist das Schutz und Sicherheit und Kontakt in der Weise, die dem Leben dient.

So kann Weihnachten und „Stille Nacht“ werden, ohne dass die Beziehungen still werden. Die Tage können von Gesprächen (am Telefon, über skype u. ä.) geprägt sein, von inniger Begegnung von Herz zu Herz. Dann sind sie nicht mehr stille Tage, sondern Tage voler Lebensermutigung und Lebenslust.

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Zu Weihnachten 2021

Wie feiern Sie Weihnachten? So wie letztes Jahr? So wie immer? Oder hat sich etwas verändert? Hat sich im äußeren Ablauf etwas verändert? Wie ist der äußere Rahmen? Was gibt es zu essen? Wer ist (nicht mehr) da? An wen werden Sie in diesem Jahr denken? An nahe Menschen, die nicht da sein können? An ferne Menschen, für die gerade nicht Weihnachten ist? Die arbeiten müssen (auf Intensivstationen etwa). Die hungern müssen, obdachlos sind, gewaltbedroht. Oder die, die perspektivlos sind in ihrem Leben.

Gott kommt zur Welt – und damit tut Gott nichts Überflüssiges. Gott kommt nicht als Zutat, als Sahnehäubchen, als I-Tüpfelchen. Gott kommt, weil es Bedarf gibt im Kleinen wie im Großen. Welchen Bedarf sehen SIE? Es darf natürlich auch ihr eigener Bedarf, Ihre eigene Bedürftigkeit sein. Die eigene Gebrechlichkeit, die eigene Verletzlichkeit, die eigene Einsamkeit …

Foto: Michael Tress

Gott kommt in die Welt. Ein schöner, ein theologischer, ein Glaubens-Satz. Aber stimmt er auch? Oder verschönert uns dieser Satz nur einen Abend – und dann war es das?

Vielleicht braucht es den Blick aus der Ferne. Vielleicht braucht es gerade den Blick auf das Nicht-Religiöse. Vielleicht braucht es gerade das Ohr für das Alltägliche; vielleicht braucht es das Gespür für die Nicht-Idylle; vielleicht braucht es den Mut, sich all dem auszusetzen, was nicht unserem (gutsituierten) Alltag entspricht.

Dann könnte Weihnachten vielleicht ein Anfang werden.

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Zum 4. Advent 2021

Synodale Wege im Advent. Das griechische Wort „syn-odal“ heißt: miteinander gehend. Solche Wege miteinander gehen Josef und Maria, gehen die Magoi, gehen schließlich auch die Hirten. Von einzelnen Besuchern erfahren wir nichts. Vielleicht geht es gar nicht anders als im Miteinander?

Die großen Fragen unserer Zeit (soziale Gerechtigkeit, Klimawandel, Corona, Geschlechtergerechtigkeit) können wir nicht als Einzelne lösen. Es geht nur im Miteinander. Im Miteinander von einzelnen Menschen, im Miteinander von Gruppen, im Miteinander von Staaten. Klimawandel löst sich nicht nur in Deutschland, Corona wird nur weltweit handhabbar.

Vor einem Jahr haben wir Christen weltweit „Stille Nacht“ gesungen. Und dann? Dann ist die weltumspannende Gemeinschaft wieder zerbröselt in die Einzelinteressen, das eigene Profitdenken, die herkömmlichen Macht- und Wirtschaftsstrukturen.

„Miteinander gehen“ braucht ein gemeinsames Ziel. Wie verständigen wir uns auf ein solches?

 Klimaneutralität erst 2050/ 2060/ 2070? Armutsbekämpfung nur bei uns (schwer genug!) oder auch weltweit? Das alles hätte Konsequenzen für unser alltägliches Verhalten! Aufbruch wäre angesagt. Die Alternative: es bleibt, wie es ist. Welch eine Illusion!

Foto: Michael Tress

Das Miteinandergehen der biblischen Menschen hat ein Ziel: das Göttliche, das zur Welt kommt, zu entdecken. Das Lebensförderliche zu entdecken. Verändert heim zu gehen.

Ob sich ihr (der Hirten, der Magoi) Lebensalltag verändert hat? Ob sich unser Lebensalltag verändern wird? Ob darin Gott sichtbar wird? Ob wir darin Gott/ das Göttliche entdecken und sehen werden?

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Pflegetelefon

Die bagso (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V.) hat in ihrem Newsletter folgenden Hinweis:

Zehn Jahre Pflegetelefon: Beratung rund um die häusliche Pflege
 
Das Bundesseniorenministerium (BMFSFJ) hat vor zehn Jahren ein bundesweites Pflegetelefon eingerichtet. Wer Informationen zu häuslicher Pflege sucht oder Fragen zu gesetzlichen Leistungen und Freistellungsmöglichkeiten hat, braucht seitdem nur zum Telefon zu greifen. Pflegende Angehörige machen den Großteil der Anrufenden aus. Es melden sich aber auch Beratungsstellen, Pflegebedürftige oder Arbeitgeber. Die telefonischen Beratungsgespräche sind anonym und vertraulich. Das Pflegetelefon ist von Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 18 Uhr erreichbar: telefonisch unter 030 / 20179131 oder per E-Mail an info@wege-zur-pflege.de.

https://www.wege-zur-pflege.de/start |

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Zum 3. Advent 2021

Aus der Ferne – aus der Fremde machen sich der Legende nach auch die „Heiligen drei Könige“ auf den Weg. Die Bibel spricht von „magoi“, wir würden das wohl am treffendsten mit „Wissenschaftler“ übersetzen. Gebildete Menschen, die führenden Köpfe ihrer Zeit und ihrer Zunft. Sie erkennen das Besondere, das Göttliche, die Ankunft Gottes in der Welt am extrem Entfernten, im Weltall. Für das Irdische, für das Kleine, für das zum Greifen Nahe haben sie wohl keinen geschulten Blick. Aber sie erkennen etwas und machen sich vor allem auf den Weg. So entdecken sie schließlich nach etlichen Irrwegen das ganz Neue. Sie entdecken für sich einen neuen Blickwinkel. Eben nicht beim Herrscher, sondern in einem Stall.

Bild: Michael Tress

Ich meine, uns als Kirche wie auch als Einzelne täte es gut, den Blick zu richten auf das, was am Rande oder sogar jenseits unserer eigenen Welt liegt. Wo spielt sich das Leben ab? Durch welche Bedingungen ist es geprägt? Was schränkt Lebensmöglichkeiten ein? Welche Ängste, welche Hoffnungen, welche Werte zeigen sich da? Diese Orte und diese Menschen sind der Prüfstand für unseren christlichen Glauben. Diese Orte und diese Menschen sind es, an denen uns Gott, an denen uns Christus begegnet.

Aber für diese Begegnung müssen wir uns auf den Weg machen, das heimische (Kirchen-/ Gedanken-/ Kuschel-) Gebäude verlassen. Dafür braucht es den Mut und das Gottvertrauen der Magoi.

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