Wundenberührung – Gedanken zum Weißen Sonntag

Am kommenden Sonntag (dem „Weißen Sonntag“, weil bis dahin die Täuflinge früher ihr weißes Taufkleid trugen) wird in den katholischen Gemeinden das Evangelium vom „ungläubigen Thomas“ gelesen. Abgesehen davon, dass Thomas ja gerade nicht ungläubig war, sondern lediglich zweifelte und sich darin übrigens nicht von Petrus, Johannes und all den anderen Jüngern unterscheidet, ist mir doch ein Aspekt wichtig geworden:

Thomas legt den Finger in die Wunde Jesu und umgekehrt läßt sich Jesus in seinen Wunden berühren. Das ist ja etwas sehr Persönliches, wenn man einem Menschen so nahe kommen darf, dass der seine Wunden zeigt. Normalerweise verbirgt man ja die Stellen, an denen man schwach, verwundet, verletzt ist oder erscheint. Darin spiegelt sich die Angst vor erneuter Verwundung wider. Um sich mit seinen Verletzungen zu zeigen, bedarf es großen Vertrauens in den anderen Menschen. Offensichtlich hat Jesus dieses Vertrauen in Thomas. Und in dieser Berührung ereignet sich dann für Thomas das Erkennnen der Auferstehung.

Bei uns heute sind ähnliche Erfahrungen möglich. Der Caritasdirektor von München Pfr. Hans Lindenberger hat einmal gesagt: „Meine Wunde führt zur Begegnung mit Jesu Wunden.“ Manchmal zeigen sich Menschen in ihrer Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, weil sie ihre früheren Verletzungen zeigen – die körperlichen wie die seelischen oder auch geistlichen. Wenn so etwas geschieht, können wir einen göttlichen Schauer spüren, eine Ergriffenheit und eine innere Berührung, die ich als „heilig“ bezeichnen möchte (wenn dieses Wort jetzt nicht zu abgedroschen und platt klingt). Es scheint etwas auf, das wie aus einer anderen Welt kommt. Es löst das Gespür aus, dass Gott anwesend ist. In der Berührung der Wunden ereignet sich Christusbegegnung und damit Gottesbegegnung. Eine Erfahrung, die etwa das Pflegepersonal oder die Besuchsdienste im Krankenhaus oder in den Altenheimen immer wieder machen dürfen. So ist dieser Dienst an den Wunden ein wahrer Gottesdienst.

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