Am kommenden Sonntag feiert die katholische Kirche das Fest der Kreuzerhöhung Christi. Es erinnert daran, dass am 14. September 320 die Kaiserin Helena das Kreuz Jesu gefunden haben soll. 15 Jahre später erfolgte dann die Einweihung der Grabeskirche in Jerusalem. Der Name „Kreuzerhöhung“ bezieht sich auf den Brauch, an diesem Tag in den Kirchen, die eine Kreuzreliquie haben, diese hochzuheben und dem Volk zu zeigen. In allen anderen Kirchen betrachtet man ein normales Kreuz.

Dieses alte Kreuz zeigt Jesus am Kreuz. Moderne Kreuze verzichten oft auf den Korpus:

Und jetzt mein Gedanke: Was passiert, wenn man Jesus am Kreuz sieht? Und was, wenn er fehlt?
Meine Befürchtung ist, dass wir dann, wenn der gefolterte und hingerichtete Jesus fehlt, auch der Blick verloren geht für die Gewaltopfer unserer Tage. Das wäre fatal. Insofern kommt den Kirchen eine wichtige Rolle zu mit Blick auf den Gekreuzigten.
In meiner zweiten Gemeinde St. Ignatius in München haben wir am Karfreitag mit Bildern auch an heutige Gewaltopfer erinnert. Der tote Jesus zeigt uns mit seinen Wunden und der Dornenkrone, wozu Menschen fähig sind. Nicht nur im Rahmen des Rechts, sondern viel mehr noch im Alltag – auch im Alltag eines Krieges, im Alltag häuslicher Gewalt, im Alltag institutionalisierter und systemischer Gewalt. Ein Kreuz mit Korpus ist so gesehen ein Mahnmal an die Betrachter.
Bei einem Kreuz ohne Korpus sieht man das nicht mehr. Da ist es dann ein Zeichen der Auferstehung. Ein Zeichen dafür, dass Gewalt überwunden werden kann.
Wenn man sich nur über die Kreuze aufregt, greift das zu kurz: man müsste sich viel mehr über die Gewalttätigkeit der Menschen aufregen. Und zwar in der Hoffnung und Zuversicht, dass man der Gewalt ein Ende bereiten muss und kann.




